Musikmacher
und Bildmischer

Musik Maker 3.0 im Test

Von Nexo of Kystone

In seiner neuen Version 3.0 bedeutet der Music Maker von Magix einen wichtigen Schritt in Richtung des idealen Sample-
Composers für den PC. Konnte man bis vor kurzem die Dance Machine von PXD noch zu den State-of-the-Art-Produkten dieser Programmgruppe zählen (siehe Testbericht), zeigt die aktuelle Version des Music Maker, wo es mit den virtuellen Musikstudios hingeht. Die Parole lautet: Mehr Flexibilität, höhere Leistungsvielfalt und die Einbeziehung von Bildinformationen zur kompletten Multimedia-Produktionseinheit.

Gerade letzteres Feature allerdings läßt beim derzeitigen Stand der Technik noch Zweifel aufkommen. Zwar bietet der Music Maker 3.0 die Integration von AVI- und Grafikdateien, die auf dem Arrangierfeld gleichberechtigt neben den Soundsamples angeordnet werden. Das Ergebnis kann allerdings höchstens Amateurbedürftnisse befriedigen und ist sicher nicht zur Produktion sendefähiger Videos geeignet. Vielleicht wäre es sinnvoll, das vorhandene Entwicklungspotential voll auf die Musikseite des Programms zu konzentrieren, um später ein um so ausgereifteres Video-Plug-In nachzureichen. Dieser Test wird sich nur mit den Musikeigenschaften des Music Maker beschäftigen, denn auf diesem Gebiet beweist das Programm, daß sich die Sample-Composer aus einem Hobbyspielzeug langsam aber sicher zu professionell verwendbaren Dance- und Techno-Fabriken mausern - wenn die schlimmsten Kinderkrankheiten beseitigt sind.
 

Übrigens: Der neue AVATAR erscheint am 1. Januar 1998 !


Neben den schon erwähnten Bild- und Grafikfähigkeiten weist der Musik Maker in der Version 3.0 eine Reihe weiterer Neuerungen auf: Ab sofort präsentiert sich das Programm im glanzvollen 32-Bit-Kleid und spielt somit die Leistungsmerkmale der bestehenden Pentiumgenerationen voll aus. Neben Wave-Files lassen sich nun auch Midi-Spuren in das Arrangement aufnehmen. Ein Echtzeitmixer erlaubt die individuelle Abstimmung der Spuren aufeinander. Obwohl sich damit tatsächlich bei laufendem Song die Pegel regeln lassen, ist der Begriff "Echtzeit" doch ein wenig hoch gegriffen: Selbst auf dem recht schnellen Testcomputer, einem Pentium 200 MMX mit 48 MByte Hauptspeicher, sprachen alle Veränderungen an den grafischen Schiebereglern mit rund halbsekündiger Verzögerung an.

Eine der wichtigsten Weiterentwicklungen - leider aber auch die Quelle für die härteste Kritik - ist die Erweiterung des Music Maker auf 16 Spuren. Obwohl das Programm einen ausgereiften und qualitätvollen Eindruck hinterläßt, muß sich der Tester angesichts der Spurenauslegung dennoch fragen, ob während der Planungs- und Programmierphase nicht ein strikteres Alkoholverbot anzuraten gewesen wäre. Den größten Vorteil des Programms - eben die Erweiterung auf 16 Spuren - machen die Entwickler wieder restlos zunichte, indem diese Spuren entweder sämtlich als Monospuren oder sämtlich als Stereospurpaare zur Verfügung stehen. Wer mehr als acht Spuren für sein Werk benötigt, ist gezwungen, auf knallharte Monoproduktionen zurückzugehen. Was für Puristen vielleicht einen interessanten Kick darstellt, ist für den ambitionierten Dancefloorproducer nur Grund zu lautem Fluchen. Sollen für die wesentlichsten Elemente wie Loops, Flächen oder Effekte Stereoräume zum Einsatz kommen, muß die gesamte Produktion in Stereo arrangiert werden - und somit stehen wieder nur acht unabhängige Spureinheiten zur Verfügung! Jeder noch so monolastige Synthesizerfurz und jedes noch so zehntelsekundenkurze Gitarrenblinzeln muß in vollem Stereo angelegt werden und vernichtet den so dringend benötigten Spurenvorrat. Es ist unverständlich, wie ein derartiger Schildbürgerstreich die vielen Planungs- und Entscheidungsbarrieren eines entstehenden Softwareprojekts passieren konnte.

Die als hilflose Geste eingefügte Mix-Down-Funktion, die ein Arrangement auf zwei Spuren zusammenführt, kann dem erfahrenen Musiker nur ein müdes Schulterzucken entlocken. Nicht nur verbraucht die so entstehende Wavedatei enorm viel Speicherplatz auf der Festplatte - auch stattlicher Verdruß ist vorprogrammiert. Wer nach dem vierten Mix-Down feststellt, daß die Bassdrum aus dem allerersten Durchgang wegen des Hinzukommens der anderen Stimmen nun viel zu leise ist, weiß, woran dieses Konzept der Spurvermehrung scheitert. Ein Wave-Composer, der ernst genommen werden will - selbst wenn er noch in der Rubrik "Funware" rangiert - muß die freie Wahl der Spurenauslegung jeder einzelnen Spur in Mono oder Stereo als selbstverständliche Basisausstattung bieten. Auch das eventuelle Schutzargument, die Rechner würden bei einer derartig hohen Spurenzahl in die Knie gehen, sticht im Zeitalter des Pentium nicht mehr.

Genug des Nörgelns. Wer sich mit der Tatsache abfindet, daß der Musik Maker im Grunde ein Achtspursystem ist, wird viel Freude mit dem Programm haben. Der erste Juchzer erschallt spätestens, wenn das Tempowahlfenster ins Blickfeld rückt. Im Zehnerabstand lassen sich Geschwindigkeiten zwischen 60 und 200 bpm einstellen. Der zweite, noch lautere Jubelschrei entfährt dem Mund des beglückten Anwenders, wenn dieser (der Anwender, nicht der Mund) feststellt, was das Programm mit nicht tempogemäßen Samples anstellt: Die eingebaute Timestrech-Funktion erlaubt das völlig unkomplizierte Anpassen der Geschwindigkeit ohne Tonhöhenveränderung - ganz einfach per Mausklick. Wenn beim starken Spreizen schneller Samples Ungenauigkeiten zu hören sind, ist das nicht Verschulden des Programms, sondern legt Schlampereien bei der Programmierung und Produktion des verwendeten Samples schonungslos offen.

Auch mit einer Reihe weiterer Ausstattungsmerkmale beweist Hersteller Magix, daß er sich den Musik Maker in naher Zukunft als Profiwerkzeug vorstellen kann. Das Pitch Shifting als Gegenpart zum Time Stretching erlaubt dramatische Tonhöhenveränderungen bei gleichbleibender Geschwindigkeit. Die Surroundfunktion läßt damit manipulierte Waves bei der Wiedergabe auf einer Surround-Anlage von hinten erklingen. Mit einer Reihe von Effekten kann man auf die Grundsamples einwirken: Neben der individuellen Lautstärkeregelung für jedes Sample gibt es Verzerrung, Hall, Echo, eine komfortable Filterbank, Rückwärtswiedergabe, Gater und Resampling. Erfreulicherweise sind alle Effekte non-destructive, lassen also das ursprüngliche Sample unverändert. Auch für Midispuren gibt es Einflußkräfte: Sie lassen sich in Tonhöhe und Geschwindigkeit verändern. Alle Effekte sind mittels rechter Maustaste über Kontextmenüs erreichbar. Ein auf der CD-ROM untergebrachtes Videotutorial schließlich hilft dem Neuling bei den wesentlichen Grundfunktionen rasch auf die Sprünge.

Erwähnenswert ist die Dateiverwaltung des Musik Maker. Am linken Bildschirmrand lassen sich bis zu drei Listen öffnen, die je ein Verzeichnis mit Quellmaterial anzeigen können. Natürlich ist jede standardmäßige WAV-Datei verwendbar, doch bietet das Programm für die hauseigene "Soundpool"-Kollektion besondere Bedienungsmerkmale.

Die Waves auf den CDs des umfangreichen Magix-Archivs sind nach einer bestimmten Logik angeordnet. Diese Logik findet sich im Musik Maker wieder. Nach dem Mausklick auf "ScanCD" präsentiert eine Auswahlleiste am unteren Bildschirmrand für alle Gruppen, die auf der CD vorhanden sind, einen Button, der den Inhalt des Verzeichnisses in eine der drei Listen füllt. An Gruppen gibt es Bass, Drums, Percussion, Rhythmguitar, Leadguitar, Piano, Synthesizer, String, Brass, Vocal, Arrangement, Effects, Midi, AVI und Graphics.

Ein Wort zu den Soundpool-CDs: Die mit dem Musik Maker gelieferte Ausgabe hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Besonders in der Abteilung Drums war nicht viel Reflexion auf aktuelle Dancefloor-Strömungen zu finden. Auch die anderen Samples - mit Ausnahme vielleicht der Vocal-Abteilung - machten einen leicht angestaubten Eindruck. Eine nähere Betrachtung der ständig wachsenden Soundpool-Serie konnte in diesen Test leider nicht einfließen. CD-Titel wie HipHop/P-Funk/Rap, TripHop/Jungle, Techno/Trance oder Dance/House lassen allerdings Hoffnung aufkommen.
 


Die Bedienung des Programms ist erwartungsgemäß einfach und läßt bei Verwendern anderer Sample-Composer sofort heimatliche Gefühle aufkommen. Die einzelnen Waves können noch in ihren Verzeichnissen durch einfaches Anklicken abgespielt werden. Die gewünschten Parts zieht man mit der Maus aus dem Verzeichnis in das Arrangierfeld. Das Kopieren vorhandener Samples geschieht durch Ziehen mit gedrückter Strg-Taste. Sollen größere Wave-Blöcke kopiert oder ausgeschnitten werden, lassen sie sich per Mauszug markieren und gemeinsam manipulieren. Sehr praktisch ist das Zusammenfassen von Waves in Gruppen, die dann gemeinsam bewegt und manipuliert werden können. Die Erwartung auf ein naheliegendes Feature wird auch im Musik Maker enttäuscht: "Mache x Kopien" wäre der einfachste Weg, in einer Sekunde das Fundament für ein gesamtes Stück zu legen. Auch ein anderes, praktisches Feature fehlt: Das Entfernen von Samples aus dem Arrangierfenster ist nur per Anwahl und Drücken der Entf-Taste möglich. Das einfache Herausziehen war den Entwicklern wohl nicht der Mühe wert.

Ein weiteres Highlight sind die Quantisierungsmöglichkeiten. Die Schnappfunktion des Arrangierfelds läßt sich zwischen einem ganzen Takt und 1/16-Takt verstellen. Das Schnappraster ist auch völlig deaktivierbar. Außerdem gibt es eine Anzeigeart in Sekunden, die ebenfalls ohne Positionierraster auskommt. Für das schnelle Arbeiten fehlt die temporäre Aufhebung der Rasterung per Hotkey, beispielsweise durch das Ziehen mit der Maus bei gedrückter Shift- oder Alt-Taste.

Schon nach kurzer Bedienzeit fühlt man sich im Musik Maker 3.0 zu Hause. Selbst das stille Grollen wegen des - die Entwickler mögen es mir verzeihen - idiotischen Stereo/Mono-Spurenlayouts kann die Freude an der Arbeit mit dem sonst gut durchdachten und leistungsfähigen Tool nicht sehr beeinträchtigen.

Daten

Produkt:
Wavesample-Composer und Player

Hersteller:
MAGIX Entertainment Products GmbH, 81369 München
http://www.magix.net

Sytemvoraussetzungen:
486DX oder Pentium, 8 MB RAM (empfohlen 32 MB),
Quadspeed-CD-ROM
16 Bit Soundkarte, Windows 95 oder NT

Entwickler:
Titus Tost, Tilman Herberger

Positiv:
Problemlose Installation
Einfache Bedienung
Verschiedene Geschwindigkeiten
Time Stretching & Pitch Shifting
Zahlreiche Effekte und Filter
Lautstärkesteuerung der Spuren und einzelner Samples
Import eigener Samples
Integration von AVI, Grafik und Midi
Aktualisierung über CDs und Website

Negativ:
Spuren nur komplett Mono oder Stereo
In Stereo geringe Spurenzahl



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