Titelbild: Die Pyramide in New Metatropolis

 

unendliche weiten

ein abstecher in den active worlds-planetenverbund

reisebericht von nexo of kystone

  

So ungefähr muß es bei der Erschaffung der Welt gewesen sein.

Am Anfang war das Nichts. Da sprach der Herr: "Es werden Objekte!" Und es wurden Objekte - eins nach dem anderen, heruntergeladen als JPEG-Files auf den eigenen Rechner. Da sprach der Herr: "Es werde Himmel!" Und ein geheimnisvoller, tiefblauer Himmel voller funkelnder Sterne und majestätischer Spiralnebel wölbte sich über die entstehende Welt. Da sprach der Herr: "Ich will den Avatar schaffen nach meinem Ebenbild!" Und aus dem stumpfwinkligen Dreieck, das bisher meinen Standort symbolisiert hatte, entstand Bruno, die erste Erscheinungsform meines Ichs auf der deutschen Magiewelt.

Das waren meine Empfindungen beim ersten Kontakt mit dem Active Worlds-Verbund, eine Web-Kooperative von etwa 80 Anbietern virtueller 3D-Welten. Mit großer Skepsis ließ ich mich auf den näheren Kontakt ein, verspricht doch die Homepage des Projektes die freie Bewegung im dreidimensionalen Raum - durch bereits eingebaute VRML-Technik. Was ich dann vorfand, war streckenweise imponierend.

Die Basis der Weltenreisen bildet der Active Worlds-Browser, den man direkt von der Homepage herunterladen kann (Adresse weiter unten). Hier ist bereits der erste, positive Aha-Effekt zu verzeichnen: Der Browser ist ausgereift und funktioniert hervorragend. Er erledigt auch das, was in jeder anständigen Galaxis ganz selbstverständlich ist: die Einbürgerungsformalitäten. Er tut das so gut, daß man - mangels ausreichend genauer Dokumentation - anfangs gar nicht glauben kann, daß man bereits mitten drin ist. Das Ergebnis: Ich habe mich etwa sechsmal eingebürgert, bevor ich bemerkte, daß bereits die erste Einbürgerung funktioniert hatte. Damit Dir nicht das gleich passiert, hier der genaue Vorgang:

Ist der Browser heruntergeladen und installiert, kann er sofort gestartet werden. Was auf Viele verblüffend wirken wird, ist, daß er über den als Standard eingestellten Internet-Provider selbsttätig online geht, und den Kontakt zu Active Worlds ohne Aktivierung des auf dem PC installierten Webbrowsers herstellt (er ist ja - unter anderem - selbst einer). Für den Einbürgerungsprozeß fragt der Browser nach Deiner Emailadresse (ohne die geht gar nichts!), den von Dir gewünschten Avatarnamen und ein Paßwort. Diese Angaben werden jeweils in die entsprechenden Felder eingetragen. Das Feld mit der Einwanderungsnummer bleibt naturgemäß leer. Nach kurzer Zeit meldet der Browser, die Einwanderung sei vollzogen und die Einwanderungsnummer werde Dir in einigen Minuten per Email zugesandt. Da das aber in der Regel doch erheblich länger dauert (ich habe meine Nummer am Folgetag erhalten), ist hier die Basis für Mißverständnisse und unnötige Wiederholungen des Vorgangs gelegt. Mein Tip: Meldet der Browser die erfolgreiche Einbürgerung, logge Dich aus und vergiß die ganze Angelegenheit. Erst, wenn in Deinem Posteingang die Immigrationsnummer eingetroffen ist, geht es weiter. Trage sie ein und klicke auf "OK". Damit ist alles getan. Von jetzt ab genügt der Aufruf des Browsers, um sich komplett einzuloggen.

Der zweite Verblüffungsimpuls erwartet den Weltenreisenden, wenn der Browser zum ersten Mal seine Tätigkeit aufnimmt: In der Regel ist der Mauszeiger verschwunden. Das ist kein Programmfehler, sondern Teil der Bedienlogik. Der Browser unterscheidet zwischen zwei Betriebszuständen, nämlich dem Einstell- und dem Bewegungsmodus. Bei Programmstart ist der Bewegungsmodus aktiviert. Das Umherwandern in den jeweiligen Welt erfolgt durch Mausbewegungen oder Betätigung der entsprechenden Pfeiltasten. Mit den PgUp- und PgDn-Tasten blickt man nach oben oder unten und mit den Pos1- und Ende-Tasten wechselt man zwischen Ich- und Flugperspektive. Um in den Einstellmodus zu gelangen, genügt ein Mausklick. Jetzt erscheint der Mauszeiger und erlaubt die Bedienung der zahlreichen Einstellelemente. Um in den Bewegungsmodus zurückzukehren, klickt man auf den Button mit dem gehenden Männchen in der Toolbar.
 

Anflug auf New Metatropolis


Die Ankunft erfolgt in "The Gate", eine Art Raumstation, von der man sich auf die verschiedenen Welten beamen kann. Hier ist nur die Basisform des Avatars möglich, "Gray" genannt. Wer die wie leicht angetrunkene Mumien gestalteten Figuren das erste Mal gesehen hat, wird diese Avatarbezeichnung recht treffend finden. Es gibt drei Wege, von hier aus in andere Welten zum gelangen: Entweder man teleportiert sich durch eines der Tore, die den Weg zu einer kleinen Auswahl von Welten öffnen (einfach darauf klicken), oder man klickt auf die Werbetafeln einiger Welten, die ebenfalls im Gate angebracht sind, oder man wählt eine Welt aus der Gesamtliste, die sich in einem eigenen Rahmen auf der rechten Seite befindet. Während Weltnamen wie french, rushian, Japan, Brasil oder swisscom Rückschlüsse auf Herkunft und Sprache zulassen und man aus Namen wie moonbase, girls, pcmag, wildwest, colony, arctic, bitworld, kool oder cyborg Stilistik und Interessenslage herleiten kann, geben Bezeichnungen wie wabbit, tintagel, ZoneZero, ymn, cofmeta oder wacko Rätsel auf, die aber - zugegeben - die Neugier wecken.
 

       


Relativ schnell wirst Du merken, daß es illusorisch ist, zu Beginn möglichst durch alle Welten zu stürmen, um so seine bevorzugten Planeten zu finden. Das Betreten einer Welt hat gewisse Konsequenzen, die durch den "Genesis"-Effekt vom Anfang des Testberichts schon angedeutet sind. Zu Beginn werden nur die Koordinaten und andere Umgebungsdaten übertragen. Du siehst so gut wie nichts. Die Welt, wie sie sich am Ende darstellt, wird nach und nach komplett auf Deinen Rechner heruntergeladen. Es empfiehlt sich, zu Beginn das Fenster "Downloads" zu aktivieren (F3 oder im Menü "Show") um die Aktivitäten zwischen Server und Client zu beobachten. Nach und nach entsteht die Welt auf Deinem Schirm. Um den teilweise hohen ästhetischen Reiz der diversen Welten voll genießen zu können, solltest Du auf "Cinemascope" schalten, das heißt, den rechts angebrachten Inforahmen entfernen, der unter anderem die Auflistung der verfügbaren Welten enthält. (Im Menü "Show" den Posten "Web" deaktivieren). Wir Du Dir vorstellen kannst, wirkt sich der Download aller Weltobjekte spürbar auf den Speicherraum Deiner Platte aus. Eine gut gestaltete Welt kann durchaus 10 MByte einnehmen. Der Vorteil des Systems ist, daß die Welt beim nächsten Besuch komplett vorliegt und ein weiterer "Genesis"-Durchlauf nicht erforderlich ist. Es wird also erforderlich sein, von Zeit zu Zeit Welten, die Dir nicht gefallen, wieder zu löschen - wie bedrohlich sich das auch anhören mag.

In kürzester Zeit wirst Du auf eine wesentliche Eigenschaft des Active Worlds-Planetenverbundes stoßen: Du kannst auf den meisten der Welten selbst etwas bauen und bewohnen. Die meisten Welten behalten sich zwar die Aufsichtsfunktion einer Baubehörde vor, um die Stilistik zu erhalten, doch ansonsten sind Deiner Phantasie wenig Grenzen gesetzt. Vom futuristischen Wolkenkratzer bis zur idyllischen Bauernhütte ist alles denkbar. Die geschaffenen Gebäude kann man innen gestalten, einrichten und beliebig durchwandern.
 

Mystische Abendstimmung zwischen Wolkenkratzern


Ein altes Problem von 3D-Simulationen, nämlich die Fernsicht, ist auch in Active Worlds nicht gelöst worden. Noch sind PCs zu rechenschwach, um Objekte in einer Entfernung von mehr als 30 bis 50 Metern korrekt berechnen zu können. So tauchen regelmäßig mitten in freier Landschaft schlagartig 30-stöckige Wolkenkratzer auf, die eben noch nicht da gestanden haben.

Nicht sehr zufriedenstellend ist die Realisierung der Avatare gelungen. Sie sind - den noch begrenzten Rechnerkapazitäten bei 3D-Echtzeitsimulationen zufolge - grobschlächtig und unpersönlich. Es gibt eine große Zahl verschiedener Grundtypen (sie schwankt von Welt zu Welt), doch diese lassen sich nicht variieren, wie wir das von WorldsAway gewöhnt sind. Auch ihre Ausdrucksmittel (Gesten) sind sehr beschränkt. Obwohl ihnen einige Basisanimationen zugeordnet sind, die sie auch im Stehen permanent bewegen, wirken sie unecht und verleiten nicht gerade zum angeregtem Chatten. Einige Schwächen beim Mapping wirken zusätzlich irritierend: So kann man hin und wieder Avatare hinter dicken Mauern erblicken, selbst durch Mauern laufen oder Avatare in etwa 20 Meter Höhe in der Luft spazieren gehen sehen.

Es gibt zwei einstellbare Blickwinkel: Die Ich-Perspektive aus der Sicht des Avatars und die Flugperspektive, bei der man seinem Avi über die Schulter sehen kann, und das bis hinauf in schwindelerregende Höhen. Leider fehlt der Flugperspektive eine Winkeleinstellung, so daß man immer nur schräg auf den Boden blickt und auch bei großen Höhen keinen allzu guten Überblick erhält. Ein Mangel, den ich ebenfalls sehr schmerzhaft empfunden habe: Für die Auswahl meines Liebingsavatars muß ich mich auf seine Rückansicht verlassen. Es gibt keine Möglichkeit, seinen Avatar von vorne zu sehen, um seine Charakteristik zu beurteilen. Die einzige Möglichkeit bleibt dem Zufall überlassen: Begegnet Dir der Avatar Deines Typs, kannst Du ihn von vorne betrachten.
 

Einsame Wanderungen durch Metatropolis


Zwei Welten habe ich bisher komplett heruntergeladen (soweit ich das überblicke) und näher besichtigt. New Metatropolis, gebaut von den Circle of Fire Studios, ist eine stimmungsvolle Stadtlandschaft mit breiten Straßen und phantasievollen Häuserblocks. Besonders in dieser großstädtischen Umgebung spürt man schmerzhaft die größte Schwäche des Systems: Man ist so gut wie allein. Wenn die Statusanzeige selbst zu günstigen Zeiten wie 0:00 Uhr MEZ am Wochenende rund 200 Besucher insgesamt auf allen 80 Welten meldet, kann sich jeder leicht ausrechnen, wie viele Planetenwanderer rein rechnerisch auf jede Welt kommen - gleichmäßige Verteilung vorausgesetzt. Doch trotz leerer Straße und Gebäude: Metatropolis ist einen Besuch wert.

 

Die deutsche Magiewelt spricht unterdrückte Träume an

     


Sehr schön gelungen ist die deutsche Magiewelt
(german in der Gesamtliste). Auch für sie zeichnen die Circle of Fire Studios verantwortlich, die sie kürzlich vom Erbauer Worlds Inc. erworben haben. Der deutsche Chatplanet besteht aus verschiedenen Bereichen, vom subtropischen Garten - komplett mit Vogelgeschrei und Hundegekläff - über den grandiosen Lichtdom bis hin zum magischen Dorf, in dem eine meiner Lieblingsvillen steht (siehe Abbildung).
 

Haus eines Builders, also eines Users, der selbst ein Gebäude errichtet hat


Zum Schluß bleibt die Frage: Kann man in Active Worlds heimisch werden? Noch bin ich zu neu in dieser Umgebung, um das objektiv beurteilen zu können. Bislang stelle ich nur fest: Nach spätestens zwei Stunden beschleicht mich ein unbändiges Heimweh nach Phantasus, nach anmutigen, bunten Avatarmädchen und nach einem gemütlichen Schwätzchen vor dem guten, alten zweidimensionalen Eingang zum Med Park.

Active Worlds: www.activeworlds.com 

 

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