- Anzeige -

Bild für Bild

Ein Online-Erlebnis der ungewöhnlichen Art bietet das Chatsystem im Microsoft Network (msn). Die ablaufenden Dialoge stellen sich auf den Bildschirmen der Anwender als Comicstrip dar, der sich Bild für Bild aufbaut.


von CyberJack IV / ne  

Bereits die Begriffsbestimmung bereitet Probleme. Ist Microsoft Chat nun eine virtuelle Onlinewelt oder nur ein aufgemöbeltes Textchatsystem? Zunächst scheint die zweite Alternative zu greifen. Dieser Eindruck verstärkt sich besonders, wenn man in der Buttonleiste des Chat-Browsers die Taste "Textansicht" findet und anklickt. Sofort präsentiert sich der aktuelle Dialog in herkömmlicher Textchat-Manier: Alle Dialoge untereinander und daher systembedingt unübersichtlich. Im Textmodus ist nicht zu erkennen, daß hier eine verblüffende Grafiklösung verfügbar ist.

In der Comicansicht beschleichen den Ankömmling dann doch Zweifel, ob man Microsoft Chat als reines Textsystem bezeichnen kann. Jede Texteingabe generiert ein neues Bild innerhalb eines von allen Beteiligten gemeinsam erzeugten Comics. Dabei besticht die Bedienerfreundlichkeit: Selbst für absolute Neulinge ist es fast unmöglich, den Browser falsch zu handhaben.

Übrigens: Der nächste AVATAR erscheint am 1. November 1997 !

Microsoft Chat gehört zur Basisausstattung von msn. Wer bei dem Microsoft-Onlinedienst Mitglied wird und die zugehörige Clientsoftware installiert, hat den Chat automatisch vorliegen. In der Regel positioniert sich ein entsprechender Menüpunkt direkt in das "Programme"-Menü der Taskleiste von Windows 95. Damit ist eigentlich schon alles getan, um Microsoft Chat zu nutzen. Bei Aufruf der Programms startet der Browser und läßt die Wahl eines Chatraums zu. Ist dies geschehen, wählt sich das Programm ohne Hilfe eines Webbrowsers direkt in msn ein und stellt die Verbindung mit dem Chatraum her. Alles weitere ergibt sich von selbst: Eine Begrüßungsfunktion erzeugt die ersten Bilder im Chat und macht den Neuankömmling auch gleich mit dem Gastgeber des Chatraums bekannt. Am unteren Bildschirmrand lockt ein Textfeld. Bereits die erste Eingabe schafft Klarheit. Der gerade aktive Avatartyp erscheint in einem neuen Bild. Das eben eingetippte "Hallo!" ist in einer Sprechblase darüber plaziert. Daneben gibt es einen "Denkmodus", der den Text in der bekannten Denkblase erscheinen läßt, und einen ESP-Modus (hier "Flüstern" genannt), mit dem man unbeobachtete Dialoge mit Einzelpersonen führen kann.

Das System ist sehr kommunikativ, was zweifelsfrei auf die einfache Bedienung zurückzuführen ist. Bei den verschiedenen Testbesuchen habe ich jedes Mal mehrere nette Gespräche führen können. Die Chats bewegen sich relativ oft auf persönlicher Ebene, was als Qualitätsmerkmal eines Chatsystems gelten darf. Onlinewelten, in denen sich die Besucher hauptsächlich über die zugrundeliegende Technik unterhalten, leiden an "System-Overkill", wie das in vielen 3D-Welten zu beobachten ist.


Übrigens: Der nächste AVATAR erscheint am 1. November 1997 !


Im Verlauf der Unterhaltung macht sich der neue Gast Zug um Zug mit den Feinheiten des Systems vertraut. Im Kontrollfeld auf der rechten Seite ist der eigene Avatar und die gerade gewählte Mimik zu sehen. Es versteht sich fast von selbst, daß es noch andere Avatartypen geben muß, zumal ja solche bei den verschiedenen Besuchern im Comic zu sehen sind. Die Auswahl findet man - nach einigen vergeblichen Doppelklicks auf den gewählten Avatar - in der Menüleiste unter "Optionen", wo das Versteckspiel noch etwas weiter geht: Erst auf der verschämt im Hintergrund untergebrachten Tabkarte "Figur" stehen zwölf verschiedene Typen zur Auswahl. Hier wäre ein etwas direkterer Zugriff sicher kein Fehler.

Nett und recht effektiv ist die Wahl der gewünschten Mimik gelöst: Acht Grundstimmungen - von erbittertem Zorn bis schenkelklopfendem Vergnügen - sind als Kleingrafiken in einem Auswahlkreis unten rechts im Browser angeordnet. Die Wählmarkierung läßt sich mit der Maus in schönster Joystick-Manier auf das gewünschte Emoticon ziehen. Sofort erscheint das Kontrollbild des aktuellen Avatars mit der entsprechenden Mimik. Die nächste Texteingabe erzeugt dann ein Bild mit eben diesem Ausdruck.

Erst nach einiger Zeit wird dem Anwender die Programmintelligenz des Systems bewußt. Die nach und nach entstehenden Bilder wechseln in Perspektive und Komposition, so daß ein abwechslungsreicher Strip entsteht, der verblüffend echt aussieht. Nur in der ersten Zeit macht sich das Fehlen von Farbe störend bemerkbar. Sind erst einmal die ersten Dialoge gelaufen, hat man sich an die schwarzweiße Strichstilistik gewöhnt. Hält man den Wechsel zwischen der Abbildung von Einzelpersonen und von Gruppen zunächst für das Ergebnis einer eingebauten Zufallsschaltung, wird dem Anwender bald klar, daß dahinter Methode steckt. Ist eine Texteingabe lang und benötigt demnach viel Platz für die entsprechende Sprechblase, erscheint der Sprecher alleine im Bild. Haben mehrere Gäste nur kurze Floskeln beigetragen - wie beispielsweise gemeinsames Lachen - erscheinen bis zu drei von ihnen gemeinsam im Bild. Auch das trägt zu einer ansprechenden Gesamtgestaltung des Comicstrips bei. Auch die Mimiksteuerung ist intelligent: Die gewählte Mimik gilt nur für das nächste Bild. Danach kehrt die Abbildung zu einer neutralen Mittelstimmung zurück. Das verhindert, daß ein zorn"geröteter" Avatar Neuankömmlinge begrüßt oder den neuesten Witz erzählt. Sehr angenehm ist, daß der gesamte Strip ab Betreten des Chatraums erhalten bleibt und im Ansichtsfenster zurückgerollt werden kann.

Eine amüsante Idee wäre die eingebaute Übermittlung von Tönen - wenn hier die erforderlichen Voraussetzungen eine effektive Nutzung nicht unmöglich machen würden. Möchte ein Teilnehmer einen eigenen Klang über den Chat abspielen, kann er das durch einfache Wahl der entsprechenden WAV-File tun. Der Haken: Nur Gesprächspartner, die die gleiche Datei in ihrem Klangverzeichnis haben, können sie hören. Es wird nämlich nicht etwa die Datei selbst hoch- und bei den Empfängern wieder heruntergeladen, sondern lediglich ein Steuerbefehl, der die Datei - falls vorhanden - abspielt.

Microsoft Chat ist eine hybride Übergangslösung zwischen einem Textchat und einer virtuellen Onlinewelt . Entsprechend einschneidend sind auch die Einschränkungen gegenüber Systemen wie WorldsAway: Es gibt keine wirkliche "Welt" mit entsprechender Geographie und Topographie. Die Umgebung wird durch vage Skizzen angedeutet. Die Avatare sind - dem Comicstrip-Prinzip entsprechend - unbeweglich und nur als gezeichnete Bilder zu sehen. Ausgefeilte Bewegungsmuster oder Individualisierung sind in dem System nicht vorgesehen.

Übrigens: Der nächste AVATAR erscheint am 1. November 1997 !

Die Akzeptanz des Systems zeigt sich an der großen Zahl von Chaträumen, die zur Verfügung stehen. Dabei gibt es zwei Kategorieren: Bei Microsoft registrierte Räume entsprechen bestimmten qualitativen Mindestanforderungen und sind mit einem entsprechend eingestellten Gastgeber besetzt. Um sich nicht dem Vorwurf der Zensur auszusetzen, läßt Microsoft auch nicht registrierte Räume zu. Jeder Teilnehmer kann einen solchen Raum selbst eröffnen, worauf er in der Auswahlliste erscheint. Durch ein Checkfeld kann der Benutzer entscheiden, ob er nur registrierte oder alle Räume angezeigt bekommen möchte. Unregistrierte Räume sind in vielen Fällen bereits an der Namensgebung erkennbar: In dem verbissenen Bemühen, an die Spitze der alphabetisch geordneten Liste zu gelangen, finden sich hier Namen wie "!!!!!!!!!!!!!Married&hmmm" oder "!!!!!!!!!pleasure". Versierte Chatter "belohnen" solche Kniffe mit konsequenter Nichtachtung und der Auswahl eines seriös wirkenden Raums weiter unten. Zwei Mankos für Chatter mit rein geselligem Anliegen sind aus der Liste abzuleiten: Fast alle Chats laufen in Englisch - während meiner Testphase habe ich unter rund 150 Räumen lediglich zwei deutsche gefunden. Und weiter: Der Großteil der Chats ist sexbezogen. Dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden. Die Suche nach netten Gesprächen wird allerdings spürbar mühsamer.

Bleibt zum Schluß die gewohnte Frage: Ist Microsoft Chat ein Online-Weltsystem, in dem man heimisch werden kann? Die Antwort muß dieses Mal zweigeteilt ausfallen: Für reine Textchatter mit grafischen Ambitionen ist es mit Sicherheit ein Erlebnis, das Zugehörigkeitsgefühl erzeugt. Für Bewohner guter grafischer Welten ist Microsoft Chat zu rudimentär, um ernst genommen zu werden. Dennoch reizt die niedliche Comicwelt zu wiederholten Besuchen. Es ist irgendwie, als begäbe man sich aus der eigenen, hochentwickelten Heimat in ein aufstrebendes Entwicklungsgebiet mit vielen netten Menschen.


Eure Meinung? Euer Kommentar? Eure Anregungen?
Für alles ist Raum im Forum des AVATAR!