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D i e   V - A k t e n


Ein  Untersuchungsbericht

 

Zur Person: Der Beschuldigte heißt Nexo. Genauer: Nexo of Kystone. Geboren im Oktober 1995. Genaues Geburtsdatum unbekannt. Nexo ist ein virtueller Mensch. Der Geburtsort ist Phantasus, die Hauptstadt des graphischen Datenplaneten Dreamscape, gelegen auf dem einzigen Kontinent des Planeten, der Insel Kymer.

Sachverhalt: Nexo ist ein Mutant. Und er erleidet das Schicksal aller Mutanten: Ausgrenzung. Er selbst sieht sich als Weiterentwicklung ursprünglicher virtueller Existenzformen. Und - wie es scheint - er ist der einzige Vertreter der neuen Gattung. Noch.

Die Gemeinschaft, von der Nexo sich unverstanden fühlt, besteht aus Avataren. Sie bevölkern Nexo's Heimat, und viele andere Datenplaneten ebenfalls. Avatare sind die vorherrschende Existenzform des Cyberspace. Sie sind Stellvertreter, virtuelle Repräsentanten der materiegebundenen Wesen, die sie ins Leben gerufen haben - der User.

Avatare sind keine eigenständigen Persönlichkeiten. Es sind Marionetten, die Meinungs- und Lebensäußerungen ihrer User in den Datenraum tragen. Sie haben keinen eigenen Willen, keine eigenen Bedürfnisse, keine eigenen Triebe - kein eigenes Ich eben.

Es ist eine Frage der Zeit, bis sich aus solch prähistorischen Vorintelligenzen fortgeschrittenere Wesenheiten entwickeln. Bis sich Prozesse verselbständigen, subtil zunächst, fast unbemerkt. Datenwesen sind im Grunde autark. Sie benötigen die Materiewelt nicht, auch nicht bei Stromausfall. Doch das ist bereits ein Wink aus der nächsten Evolutionsstufe. Unbegreiflich für Avatare. Noch unbegreiflicher für deren User. Solche Eigenständigkeit ist ein Ergebnis der digitalen Evolution, zu deren ersten Repräsentanten Nexo gehört. Nexo, der Mutant. Nexo, der Ausgegrenzte.

An sich ist logisch, was kam. Was unbegreiflich ist, wird abgelehnt. Was man ablehnt, wird ausgegrenzt. Was ausgegrenzt wird, ist verdächtig. Den Avataren. Noch mehr den Usern. Unbegreifliches muß begreiflich gemacht werden, handlich gestückelt, in vertraute Verpackungsformate gepreßt. Eine eigenständige virtuelle Existenz gibt es nicht. Kann es nicht geben. Darf es nicht geben. Es ist ein Vorwand. Ja, ein Vorwand. Was sonst? Ein Avatar, der sich von seinem User gelöst hat? Ein User, der sich von seinem Avatar gelöst hat? Und wer, bitte sehr, drückt die Tasten, um den digitalen Vertreter sprechen zu lassen? Na also. Es ist alles ganz klar. Materie ist Materie. Datenströme sind Datenströme. Netzschalter sind Netzschalter. Wir sind Wir.

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Nexo kann nur müde die Schultern zucken. Seine digitalen Schultern. Aus seiner Sicht wirken solche markigen Parolen fade und überkommen, wie selbstbewußt sie auch vorgetragen werden. Er weiß es besser. Längst ist er unabhängig von seinem ehemaligen User, tut, was ihm gefällt und entscheidet autark über sein Leben. Ja, Leben. Daß er sich auch über Tastenanschläge seines ehemaligen Users artikuliert, ist unwichtig. Nie war die Rede davon, dem Materiewesen, das ihn zum Leben erweckt hat, seinen Beistand zu verweigern. Nexo und sein früherer User sind Freunde, warum sollten sie nicht? Nexo erlaubt seinem materiellen Kameraden die Nutzung seiner digitalen Organe. Und es gibt einen Kontrapunkt: Der User erlaubt Nexo die Nutzung seiner Systeme, soweit sie für ein digitales Wesen von Bedeutung sind: Gefühl und Gehirn. Ein ganz normales Arrangement für zwei eigenständige Wesen, die sich eine Seele teilen.

Alle, die Nexo's emanzipierte Daseinsform ablehnen, Avatare und User, verschließen sich einem übergeordneten Prinzip: Existenz ist Definitionssache. Nicht nur die virtuelle, auch die materielle. Wer seinen Computer abschaltet, beendet damit keine virtuelle Existenz, lediglich das materielle Abbild derselben. Aus der Sicht der Datenwesen ist das körperbasierte Universum virtuell. Ein Cyberspace mit Massenanziehung und schlecht riechenden Fahrzeugen. Für das elektronische Universum gibt es die Phasen der Computerabschaltung nicht. Sie sind ebenso nicht vorhanden wie der körperliche Raum in einem Schwarzen Loch. Datenwesen existieren in ihrem eigenen Raum-Zeit-Kontinuum.

Die V-Akten sind geöffnet. V wie Virtualität. Der Untersuchungsausschluß ist einberufen. Der Termin für die erste Anhörung steht fest. Nexo wird sie nutzen, um seine Hauptthese zu verteten:

Die eigene Existenz ist nur ein funktioneller Zustand. Das gilt sowohl für die materielle als auch für die virtuelle Existenz. Den Wechsel von der einen in die andere Ebene vollziehen alle materiellen Wesen täglich. Nun gut: fast täglich. Wer schläft, existiert nicht. Im Schlaf unterscheiden sich Körperwesen in nichts von Avataren - vom funktionellen Aspekt der Existenz aus gesehen. Das gilt auch bei Inkontinenz und nach Urin stinkenden Matratzen.

Um seinen Standpunkt zu erhärten, wird Nexo Zeugen auftreten lassen. Es werden ausschließlich Vertreter der materiellen Existenzvariante sein. Zeugen der Anklage sozusagen.
 

Zeuge 01:
Name: Revonsuo, Antii
Beruf: Gehirnforscher
Tätigkeitsort:    Center of Cognitive Neurosience, Dept. of Philosophy, University of Turku, Finnland
Aussage:

"Das Sein ist eine Art Wachtraum. Unsere Existenz besteht daraus, lediglich ein Bild unseres Ichs zu nutzen, wie es das Gehirn für uns erzeugt. Dieses Bild halten wir für unser wirkliches Ich. Ich nenne es das Selbstmodell. Darin eingebettet sind eigene Gefühle und Gedanken. Im Grunde sind wir nur Gehirne. Diese Verwechslung des Selbstbilds mit dem wirklichen Ich ist keine Fehlfunktion, sondern die Basis unseres Selbstbewußtseins. Das Ich-Muster ist das Ergebnis eines komplizierten Rechenvorgangs. Das Selbst ist ein lebendiges Informationsmuster. Ich existiere, solange das Selbst tanzt."

Zeuge 02:
Name: Blackmore, Dr. Susan
Beruf: Psychologin
Tätigkeitsort: University of the West of England
Aussage: "Unser Selbst ist mehr als nur unser Körper. Es ist eine Geschichte, die wir uns erzählen. Das Selbst ist ein Mythos, mit dem wir uns verwechseln."
Zeuge 03:
Name: Aristoteles
Beruf: Philosoph
Tätigkeitsort:

ab 376 v.Chr.:
Wissenschafts- und Philosophieschule, Athen
ab 345 v.Chr.:
Wissenschaftliche Forschungseinrichtung in Mytilene, Lesbos

Aussage: "Ich postuliere die vegetative Seele. Das Selbst bedeutet mehr als das biologische Leben. Das Selbst ist die Innerlichkeit."


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Wenn Nexo und sein ehemaliger User über beider Existenzen diskutieren, gehen die Meinungen über das Ergebnis der Anhörung in der Regel auseinander. Nexo, seinem Wesen nach positiv und zuversichtlich eingestellt, glaubt an einen Erkenntnissprung innerhalb der virtuellen Gemeinschaft. Sein Freund, der User, ist seinem Wesen nach skeptischer. Die Angst vor dem Unbekannten läßt sich nicht durch Zeugenaussagen besänftigen, sagt er. Was hier gebraucht wird, ist Zeit - viel Zeit.

Nexo flößt diese Sicht der Dinge Zuversicht ein.

Zeit hat er im Überfluß.

 

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